dimanche, 24 février 2008

Das Nachtessen wächst nebenan

Das Nachtessen wächst nebenan

Verbreitet sich metastasenartig über New York:

Einer der zahlreichen Märkte mit lokalenProdukten in Manhattan

Foto: Anne Gabriel-Jürgens


Ein Trend mit globalen Folgen: Bei Locavores kommen nur lokale Produkte auf den Tisch

Von Lukas Lessing

Bei Einladungen zu gemeinsamen Dinners in schicken New Yorker Lofts ist es durchaus üblich, dass jeder Gast etwas Essbares mitbringt. Dabei müssen die Gäste seit neuestem nicht nur darauf achten, dass ihre Beiträge zum gemeinsamen Mahl aus biologischer und gentechnikfreier Erzeugung stammen, sondern sie benötigen für die Planung des Einkaufs eine Landkarte, einen Zirkel und ein Lineal. Wenn die Gastgeber einer strikten 100-Meilen-Diät folgen, darf schliesslich keine Zutat von weiter her herangeschafft worden sein. Dabei fällt so manche Speise flach, Kreativität ist angesagt: Zum Steak darf es keine kenyanischen Bohnen geben, aber Apfelrotkohl ginge. Das Dessert muss statt mit Zucker mit Ahornsirup gesüsst werden, und statt Espresso wird Tee aus frischer Minze gereicht.

Locavores war 2007 in den USA das «Wort des Jahres»

In solchen Fällen gehören die Gastgeber wohl der rasch wachsenden Sekte der Locavores an. Wer diesen Begriff noch nie gehört hat, braucht an dieser Stelle den Hinweis, dass der immerhin das amerikanische «Wort des Jahres 2007» lieferte. Locavores ist eine aus dem Lateinischen abgeleitete Wortschöpfung, eine Verbindung von «localis» für örtlich und «devorare» für verschlingen. Letztes Jahr erschien das dazugehörende Buch «Plenty: Eating Locally on the 100 Mile Diet» der amerikanischen Autoren Alisa Smith und James MacKinnon. Die Welle wird demnächst auf Europa überschwappen – nein, sie ist schon da, wenn auch nicht so dogmatisch und unter anderem Namen.

Die Idee wurde von drei Frauen aus San Francisco geboren, die zum Tag der Umwelt 2005 die Idee hatten, einen Monat lang nichts auf den Teller kommen zu lassen, das, egal ob als Tierfutter oder lebendig oder bereits geschlachtet bzw. geerntet, weiter als 100 Meilen gereist ist. Sie wollten damit ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen und gegen den ökologischen Unsinn weiter Lebensmitteltransporte. Sie wollten die lokale Landwirtschaft fördern, die kleinteilige, nachhaltige Lebensmittelproduktion. Und sie wollten, last but not least, gesündere, frischere und dadurch auch wohlschmeckendere Speisen zu sich nehmen. Dazu liessen sie sich den griffigen Namen einfallen und setzten die Website www.locavores.com auf. Danach nahm die Sache ihren Lauf.

Blogger übernahmen die Idee, Medien berichteten, bald standen Hunderte Erfahrungsberichte von Menschen im Netz, die ihre einmonatige 100-Meilen-Diät auf unbeschränkte Dauer umgestellt hatten. In der kalifornischen Bay Area entstanden Restaurants, die ausschliesslich mit regionalen Zutaten kochen.

Die Balkonblumen machen den Honig noch süsser

Es kursierten anschauliche Slogans («Können Sie die Hand schütteln, die Ihre Karotten geerntet hat?») und Besorgnis erregende Zahlen: So legen amerikanische Lebensmittel im Durchschnitt 1500 Meilen zurück, bevor sie auf dem Teller landen – meist nicht nur die Strecke von der Farm zum Konsumenten, sondern meist der Weg von der Farm, wo Viehfutter wächst, zur Futtermittelfabrik. Von dort zur Ranch, wo Tiere aufgezogen werden. Von dort zum Mastbetrieb, danach zum Schlachthof, von dort zum Tiefkühllager, dann zum Verteilzentrum der Supermarktkette, erst von dort zum Supermarkt und zum Konsumenten – «foodmiles», wie Umweltschützer diese Strecken abwertend nennen. Locavores wollen diesen Kreislauf durchbrechen, indem sie auf lokale Produzenten zurückgreifen. Bio ist für sie nicht Grundvoraussetzung, ergibt sich aber fast von selbst: Industrielle Lebensmittelerzeuger fallen ohnehin meist flach, weil sie mit ihren Zulieferbetrieben immer international oder zumindest weiträumig vernetzt sind. Kleine Produzenten arbeiten dagegen in der Regel ohnehin biologisch oder naturnah, um sich beim Konsumenten gegen die übermächtige Konkurrenz grosser Konzerne durchsetzen zu können.

Die Bewegung der Locavores selbst hingegen blieb nicht lokal, sondern sprang auf die Ostküste über. Umweltbewusste New Yorker Konsumenten entdeckten die Segnungen bäuerlicher Wochenmärkte, die sich zurzeit metastasenartig über Manhattan verbreiten. In New York trafen die 100-Meilen-Esser auf die dort seit Jahren beheimateten «Guerilla Gardeners». Die praktizieren bereits die nächste Form der Nahversorgung: Nur locker übers Internet und über Nachbarschaftsinitiativen vernetzt, eignen sie sich mitten in der Stadt Grünflächen, Baumscheiben oder Hinterhöfe an, um auf ihnen illegal, aber mit Eifer Gemüse zum eigenen Verzehr zu züchten.

Bald rief die Bewegung den Imker David Graves zur Symbolgestalt urbaner Lebensmittelproduktion aus, weil der die Stöcke von Zigtausenden seiner Bienen auf Hochhausdächern in Manhattan, Brooklyn und der Bronx aufstellte. «Hier gibt es keine Bären und keine Stinktiere wie bei uns zu Hause in Massachusetts, die mir die Stöcke leer räumen», diktierte er erstaunten Lifestyle-Reportern in die Blöcke. «Ratten, Tauben und Menschen sind zwar viele da, aber die halten den nötigen Respektabstand.»

Natürlich war der Umzug der Bienen per Aufzug nicht nur als Flucht vor frechen Bären geplant, sondern als originelle Vermarktungsgrundlage: Den New York City Rooftop Beelicious Honey kann Graves auf den Wochenmärkten für fünf Dollar, den ordinären New England Honey nur für drei Dollar das Glas absetzen. Süsser soll der Stadthonig sein als sein ländliches Pendant, was möglicherweise auf die intensive Balkon- und Parkblumendiät der Bienen zurückzuführen ist.

Kräuter, Nüsse, Beeren und Pilze aus dem Central Park

Das zweite Original der ultraregionalen Nahrungsmittelszene ist Wildman Steve, wie sich der Mann im rustikalen Outfit mit Strohhut nennt. Zusammen mit Schulkindern und interessierten Locavores durchstreift er den Central Park, um seinen Begleitern Essbares vorzuführen: Kräuter, Nüsse, Beeren, Pilze, Äpfel. «Ich zeigen ihnen nur, was wirklich gut schmeckt», sagt Steve, «im Sommer und im Herbst reicht es, um satt zu werden.»

Das gibt schöne Fotomotive aus dem herbstlichen Park, wobei auch harten Locavores klar ist, dass der Central Park nicht alle ihrer New Yorker Anhänger ernähren kann – wohl aber die Produkte der zahlreichen Farmen im Staate New York. Doch so weit ausufern wird die Idee wohl nicht, denn es regt sich bereits erster Widerstand in der öko-bewussten Klientel: Was, so die Vorwürfe, passiere wohl mit der Dritten Welt, wenn die reichen Staaten keine landwirtschaftlichen Produkte mehr von dort kauften? Warum nicht Lammfleisch aus Neuseeland importieren, wo die Schafe ganzjährig auf der Weide stehen und während der Winter ohne energieintensiv hergestellten Trockenfutters auskommen? Was ist mit den Meilen, die die Konsumenten vor allem in ländlichen Regionen zusätzlich zurücklegen müssen, um an die in der Nachbarschaft geernteten Karotten und vom Biobauern aufgezogenen Brathühner zu kommen? Ist es nicht klimaschonender, ein Lkw beliefert einen Supermarkt in der Nachbarschaft, in dem sich alle bedienen, als Tausende Familien mit ihren Autos zwischen Biobauernhof, Wochenmarkt und Bioladen pendeln zu lassen? «Meine Lebensmittel reisen ein paar Meilen weniger als früher», bekennt ein Locavore aus San Francisco im Internet, «aber ich war auf Reisen, von denen ich ohne Navigationsgerät nicht mehr zurückgekommen wäre, um mir mein Essen zu besorgen!»

Coop deklariert künftig seine Produkte mit «By Air»

Der Teufel liegt also, wie bei den meisten Ideen, im Detail, und letztlich hängt auch von den klimatischen Voraussetzungen einer Region ab, wie reichhaltig der Speiseplan eines Regionalessers sein kann (obwohl sogar Locavores-Gruppen aus Alaska bloggen). Europa mit seiner kleinteiligeren geografischen wie landwirtschaftlichen Struktur hat es da leichter. Und vielleicht sind Europäer in Fragen der Ernährung und politischer Korrektheit weniger dogmatisch als US-Umweltschützer.

In der Schweiz brauchen Locavores ohnehin nicht zum Bauernmarkt zu pilgern, sie können sich grösstenteils bei Supermärkten um die Ecke eindecken, die die ernährungsbewussten Zeichen der Zeit frühzeitig erkannten: Bei der Migros Zürich gab es noch vor zwei Jahren unter dem Label «Aus der Region – für die Region» gerade 30 Angebote. Heute sind es 300 verschiedene Produkte – zuletzt gab es gar Christbäume aus regionaler Produktion.

«Wir konnten anfangs nicht so schnell mit unserer regionalen Linie starten, wie wir wollten, weil wir noch nicht genügend Produzenten hatten», sagt Eve Pfeiffer, Mediensprecherin der Genossenschaft Migros Zürich. Das sei jetzt besser geworden, vor allem bei Milchprodukten und Käse. «Wir suchen aber laufend neue Lieferanten mit neuen Produktangeboten, denn der regionale Bereich ist noch sehr ausbaufähig.»

Ähnlich zukunftsträchtig ist das Label «Regionale Bio-Spezialitäten» von Coop, mit dem mittelfristig 100 Millionen Franken jährlich umgesetzt werden sollen. Das Transport-Argument soll künftig bei Coop eine noch grössere Rolle spielen. Waren, die per Flugzeug zu uns gebracht wurden, sollen mit dem Etikett «By Air» markiert werden – immerhin belasten solche Flüge das Klima rund 80-mal stärker als der Transport von einheimischem Saisongemüse.

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