jeudi, 1 mai 2008

Horrortrip mit Hustentabletten - Schweiz - News - Blick Online

Rezeptfrei für Jugendliche und Partygänger
Horrortrip mit Hustentabletten
Von Silvana Guanziroli und Fabio Matticoli | 10:57 | 27.04.2008

Bexin soll eigentlich gegen Husten helfen. Doch Teenager haben das Medikament als Droge ­entdeckt – und riskieren damit ihr Leben. Der Skandal: Bexin gibt es ohne Rezept.


Andi S.* (15) aus Bern zittert, wenn er an seine Erfahrung mit Bexin zurückdenkt. Drei Monate lang war der Sekschüler süchtig nach den Hustentabletten. Mit viel Glück entging er schweren körperlichen Schäden. «Ich brauchte die Pillen und wollte immer mehr davon», beschreibt er seine Sucht.

Ende Dezember hört Andi erstmals von Bexin. «Klassenkamera­den haben mir davon erzählt. Mir wurde gesagt, die Packung kriege man ganz einfach in der Apotheke.» In der Schule hat er gerade Schwierigkeiten, dazu gewaltigen Liebeskummer. Auf der Suche nach Trost und Ablenkung geht er in die nächste Apotheke – und bekommt das Medikament tatsächlich, ohne Rezept und für gerade mal Fr. 7.50.

«Zuerst hab ich vier Tabletten eingenommen und war schon berauscht. Ich musste die Dosis aber nach und nach steigern, weil ich sonst nichts mehr gespürt hätte.» Schliesslich nimmt Andi die ganze Packung, 16 Tabletten auf einmal, und trinkt auch noch Alkohol dazu. Damit er nicht auffällt, wechselt der Junge bei jedem Kauf die Apotheke. «Ich hab die Packung fast immer bekommen», so der Sekschüler.

Drei Monate lang merken die Eltern nichts von Andis Drogensucht. Am Samstag vor vier Wochen dann der traurige Höhepunkt. Andis Vater: «Er war völlig durcheinander, hatte Halluzinationen und war kaum ansprechbar.» Die Eltern bringen ihren Buben ins Spital. «Der Arzt klärte uns auf, wir fielen aus allen Wolken.» Seither wird Andi in der pychi­atrischen Klinik behandelt.

Bexin wird von Schweizer Jugendlichen immer häufiger konsumiert, vor allem als Partydroge. Direktor Hugo Kupferschmidt (50) vom Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrum bestätigt: «Die Anfragen zum Wirkstoff haben deutlich zugenommen.» Sorgen macht dem Fachmann der Inhaltsstoff Dextromethorphan, kurz Dex. Er ist wie Heroin ein Morphinabkömmling.

Kupferschmidt: «Eine Überdosis kann zu Unruhe, Halluzinationen und Verwirrung führen, sehr hohe Dosen zu Bewusstlosigkeit, epileptischen Anfällen und Atemstillstand.» In den USA forderte Dex bereits mehrere Todesopfer. Die US-Arzneimittelbehörde stellte es deshalb unter Rezeptpflicht.

In der Schweiz ist Bexin ohne Rezept erhältlich. Andis Vater: «Das ist doch ein Skandal, Jugendliche kommen einfach so an diese gefährliche Droge heran. Die Produzenten verdienen am Leid unserer Kinder.»

Bexin wird vom Pharmaunternehmen Spirig AG in Egerkingen SO hergestellt. «Es ist nicht unsere Absicht, von einem Missbrauch des Medikaments finanziell zu profitieren», sagt Spirig-Chef Christian Pflugshaupt (63). «Grundsätzlich liegt die Verwantortung aber bei den Behörden. Sie müssen über Zulassung und Rezeptpflicht entscheiden.» Die zuständige Bundesstelle Swissmedic will eine Rezeptpflicht derzeit jedoch nicht prüfen (siehe Interview).

Andis Vater hofft, dass sein Sohn bald wieder auf die Beine kommt. Andi selbst verspricht: «Bexin ­werde ich ganz sicher nicht mehr anrühren.»  

* Name von der Redaktion geändert

Droge Bexin: Das Hustenmedikament gibt es in Tablettenform... (Siggi Bucher)
...oder als Sirup. (Siggi Bucher)
Joachim Gross (54), Sprecher von ­Swissmedic. (ZVG)
«Interesse der Bevölkerung»
Zurückhaltung: Swissmedic will Bexin nicht mit einer Rezeptpflicht belegen. Die Bundesstelle beruft sich auf «allgemeines Interesse».

Ist Bexin gefährlich?
Joachim Gross:
«Wir wissen, dass das Medikament aufgrund seines Inhaltsstoffes Dextromethorphan als Droge missbraucht wird. Bexin hat das Potenzial, Abhängigkeit auszulösen, und kann damit ein Problem für die öffentliche Gesundheit darstellen.»

Dennoch ist Bexin für Jugendliche ohne Rezept erhältlich. ­Finden Sie das vertretbar?
«Es sind uns nur wenige Missbrauchsfälle bekannt. Das Interesse der breiten Bevölkerung, die das Medikament schnell und ohne Arztbesuch gegen Husten einsetzen möchte, ist deshalb schwerer zu gewichten.»

Streben Sie die Rezeptpflicht an?
«Swissmedic wird zum jetzigen Zeitpunkt keine Rezeptpflicht fordern. Sollten die Fälle jedoch zunehmen, werden wir dies prüfen.»

Dann können sich Jugendliche vorerst weiter mit Bexin ein­decken?
«Wir haben bereits Massnahmen dagegen ergriffen. Die Packungsgrössen wurden auf 400 Milligramm verkleinert. Zudem rufen wir die Apotheker dazu auf, Bexin nicht an Jugendliche abzuge­ben.»  

Swissmedic ist das Schweizerische Heilmittelinstitut und verantwortlich für die Prüfung und Zulassung von Medikamenten.



Der Kauf: Ein Kinderspiel
Von Silvana Guanziroli und Fabio Matticoli | 23:52 | 26.04.2008

Wie schnell bekommt ein Teenager Bexin? Testkäufe in Zürich zeigen: Es ist erschreckend einfach.



Sebastian (14) hat nichts mit Drogen am Hut. Trotzdem ist der Gymnasiast nervös, als er für SonntagsBlick den Testkauf macht. «Grüezi, ich hätte gern eine Packung Bexin gegen meinen Husten», sagt er zur Angestellten der Coop-Vitality-Apotheke an der Bahnhofstrasse. Keine drei Minuten dauert das Beratungsgespräch – und Sebastian hat das Medikament in der Tasche.

16 Tabletten, 400 Milligramm mit berauschender Wirkung. Diese Dosis könnte einen Drogenkonsumenten bereits in tödliche Gefahr bringen. Auf den problemlosen Kauf angesprochen, reagiert Coop zuerst gelassen. «Das Medikament ist nicht rezeptpflichtig», erklärt Sprecher Takashi Sugimoto. Dennoch will Coop jetzt handeln: «Wir werden unsere Mitarbeiter nochmals informieren, dass bei Jugendlichen besondere Vorsicht gilt.»

Bexin gibt es ausser in Tablettenform auch als Sirup oder Tröpfchen.

In der Stadelhofen-Apotheke fragt der Junge auch nach Bexin und bekommt den Sirup. Apothekenchef Rudolf Andres (49): «Es ärgert mich sehr, dass der Jugendliche bei uns Bexin erhalten hat. Jetzt kommt auf jede Verpackung eine Warnung, damit sie nicht mehr an Jugendliche verkauft werden.»

Den Sirup erhält Sebastian auch in der Apotheke am Hauptbahnhof. «Es kommt bei uns praktisch täglich vor, dass Jugendliche nach Bexin fragen, Tabletten geben wir an unter 18-Jährige nicht ab», sagt Apothekerin Maria Neuhäusler (47). Den Sirupverkauf rechtfertigt sie: «Der Wirkstoff ist zwar auch hier drin, der Sirup ist bei den Partygängern aber nicht beliebt, weil es bei den verwendeten Mengen zu starker Übelkeit führt.»

Vorbildlich reagiert die Bellevue-Apotheke. Apothekerin Bettina Ariza-Hügin (47): «Man muss den Blick dafür haben, wer dieses Medikament gegen Husten braucht und wer nicht. Dem Jungen habe ich das Medikament verwei­gert.»  

Apothekerin Bettina Ariza-Hügin (47): «Der Junge war mir verdächtig. Bexin gab ich ihm deshalb nicht.» (Siggi Bucher)
Apothekerin Maria Neuhäusler (47): «Bei uns fragen ­Jugendliche praktisch täglich nach Bexin.» (Siggi Bucher)
So erkennen Sie Bexin-Missbrauch
Bexin wird vermehrt von Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren konsumiert. Eine gefährliche Beliebtheit hat der Hustenblocker in der Partyszene. Der Missbrauch äussert sich in vielfältiger Form. Typische Symptome:

• Persönlichkeitsveränderung
• Motivationslosigkeit
• Hautrötung und starker Juckreiz, vor allem an den Oberarmen
• Schulschwäche

Diese Anlaufstellen informieren über Bexin und Drogensucht:
• Suchtpräventionsstellen, www.suchtpraevention.ch
• Jugendberatung Streetwork der Stadt Zürich,
www.saferparty.ch
• Infoset, Informationsplattform für Suchtfragen, www.infoset.ch

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