dimanche, 14 septembre 2008

Kopflos vor der Kopfstation (Medien, NZZ Online)

Kopflos vor der Kopfstation

Niemand liebt die Cablecom-Set-Top-Box – gibt es Alternativen?


In Schweizer Kabelnetzen sollen proprietäre Verschlüsselungsverfahren verboten werden. Dies verlangt eine Motion, mit der sich in der Herbstsession der Nationalrat beschäftigen wird.

S. B. Niemand liebt sie: Diese Box wird Set-Top-Box genannt, obwohl es bei der heute üblichen flachen Bauweise von TV-Geräten schwierig sein dürfte, auf der Oberseite eine Box zu placieren. So liegt sie neben, vor oder hinter dem Fernseher und decodiert die digitalen TV-Signale, die übers Cablecom-Kabelnetz verbreitet werden. Das Digital-TV-Angebot von Cablecom ist mit der Gebühr für den Kabelanschluss bereits abgegolten. Allerdings: Um dieses Angebot auch nutzen zu können, braucht es sie, die Box, und dafür sind pro Monat mindestens sechs Franken zu bezahlen. Gegen die Box und gegen den «Boxenzwang» formiert sich Widerstand.


Vor einem Jahr hat Ständerätin Simonetta Sommaruga, Präsidentin der Stiftung Konsumentenschutz (SKS), im Ständerat eine Motion eingebracht, mit der der Bundesrat beauftragt werden soll, bei der Verbreitung von Digital-TV im Kabelnetz proprietäre Verschlüsselungsverfahren zu verbieten. Diese Grundverschlüsselung wird als Ursache für den «Boxenzwang» vermutet. Der Ständerat hat die Motion gutgeheissen, in der Herbstsession wird sich nun der Nationalrat mit dem Thema beschäftigen müssen. Die Motion Sommaruga wird seit kurzem auch von dem Verband der Schweizer TV-Fachhändler, dem Schweizer Hotelierverband und dem Branchenverband Gastrosuisse unterstützt.

Catch-22-TV

Was ist schlecht an dieser Box? Der Stromverbrauch im Stand-by-Modus ist hoch, die Rechenleistung bescheiden, die Aufbereitung von Teletext-Informationen langsam, bei gewissen Formaten kommt es zu Bildverzerrungen. Die zentrale Aufgabe der Box – das Decodieren von Digital-TV-Signalen – könnten neuere TV-Geräte auch ohne fremde Hilfe selber erledigen. Doch im Cablecom-Kabelnetz darf nur die Cablecom-Box diese Funktionen übernehmen, denn die TV-Signale sind verschlüsselt.

Es braucht die Cablecom-Box, so heisst es bei Cablecom, weil die Cablecom-Digital-TV-Signale verschlüsselt sind, und es braucht die Verschlüsselung, damit sichergestellt werden kann, dass Cablecom-Digital-TV nicht ohne Cablecom-Set-Top-Box konsumiert werden kann. Wenn die Verschlüsselung nur dazu eingesetzt würde, um die illegale Nutzung der Signale zu verhindern, um Schwarzseher auszusperren, dann könnten standardisierte Verschlüsselungsverfahren genutzt werden, die nicht an eine bestimmte Box gebunden sind. Verschlüsseltes Digital-TV gibt es auch ohne proprietäre Box, aber für Cablecom ist Digital-TV interaktives Fernsehen (ITV), und dafür gibt es laut Rudolf Fischer, Managing Director von Cablecom, keine Standards (vgl. untenstehendes Interview).

Von Anfang an auf Digitaltechnik beruhend, entwickelte sich eine europäische Initiative für Digital Video Broadcasting (DVB) in den 1990er Jahren rasch zu einer international respektierten Drehscheibe für die Weiterentwicklung von elektronischen Medien aller Art, sei es Satelliten-TV (DVB-S) oder TV fürs Handy (DVB-H). Als Vater des sehr erfolgreichen DVB-Projekts gilt Ulrich Reimers, Professor an der Technischen Universität Braunschweig. Im Rahmen des DVB-Projekts wurde mit der Multimedia Home Platform (MHP) auch ein Standard für interaktives Fernsehen auf Basis der Programmiersprache Java definiert. Bereits während der Entwicklung von MHP, so berichtet Reimers im persönlichen Gespräch, habe es seitens amerikanischer Softwarefirmen Druckversuche gegeben.

Gerangel um Standards

Der MHP-Standard aus dem Jahr 2000 wurde einst auch von der European Broadcasting Union empfohlen, allerdings verzögerte ein Gerangel um überhöhte Lizenzgebühren die Implementation. Diese Probleme sind aber laut Reimers inzwischen gelöst. MHP habe sich in der Praxis beispielsweise als Bestandteil der interaktiven Blue-Ray-Disc bewährt. Vereinzelt hätten auch Kabelnetzbetreiber mit diesem Standard positive Erfahrung gemacht, sagt Reimers, und verweist auf die belgische Telenet. Telenet ist wie Cablecom im Besitz der amerikanischen Liberty Global Inc. In ihrem jüngsten Geschäftsbericht beschreibt sich Telenet stolz als MHP-Pionier. Dort wird als Argument für MHP auch erwähnt, dass der Standard unter dem Namen OpenCable Application Platform (Ocap) auch in den USA Anhänger gefunden habe.

«Kolonialisierung Europas»

Wenn nicht die Cablecom-Box, was sonst? Gibt es Alternativen? Gibt es Standards, die es ermöglichen, dass Decoder verschiedener Hersteller sich mit der Kopfstation des Cablecom-Netzwerks verständigen können? Die angefragten Experten widersprechen sich, Aussage steht gegen Aussage.

Zu Beginn des laufenden Jahres wurde Ocap in Tru2way umgetauft und gilt nun plötzlich als Zukunftshoffnung der europäischen Kabelnetzbetreiber, die auf einen Standard für ITV warten. Für Reimers dagegen ist Tru2way ein Hinweis darauf, dass eine «Kolonialisierung der europäischen Kabelnetze durch amerikanische Unternehmen» stattfindet. Er beobachtet besorgt, wie sich immer mehr europäische Kabelnetzbetreiber – und auch die Euro-Cable-Labs – unter dem Einfluss der Amerikaner, wie Reimers glaubt, vom DVB-Projekt abwenden.

Im Vergleich mit dem raschen Innovationsrhythmus der Mobiltelefonie wirkt der Fortschritt im Bereich der Kabelnetze sehr behäbig. Die Set-Top-Boxen sind veraltet, grosse Firmen der Unterhaltungselektronik – Philips beispielsweise – haben sich aus diesem Geschäft, das Verluste brachte, verabschiedet. Voraussetzung für Innovation ist Wettbewerbsdruck, Voraussetzung für Wettbewerb sind stabile technische Standards. Diese Standards aber, so ist zu befürchten, lassen sich nicht politisch verordnen.


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