vendredi, 20 avril 2007

Eine Epidemie ist rasch hier

«Eine Epidemie ist rasch hier»
Vize-Kantonsarzt Peter Frey erklärt, weshalb man schon heute einen möglichen Ernstfall von morgen planen sollte
Mit dem neuen Pandemieplan wappnet sich der Kanton für eine weltweite Grippeepidemie. Die Vorbereitung sei nicht nur Sache von Spezialisten, sondern jedes Einzelnen, sagt der stellvertretende Kantonsarzt und Pandemie-Verantwortliche Peter Frey.

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«bund»: Die Vogelgrippe ist zurzeit kein Thema mehr. Ist sie überhaupt noch eine Gefahr?


Peter Frey: Im Moment nicht direkt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet aber damit, dass irgendwann ein mutiertes Vogelgrippevirus oder ein neues Virus auftreten und sehr rasch weltweit zu einer Grippeepidemie – sprich Pandemie – führen kann. Die Vogelgrippe hat sich Europa genähert, es gibt bereits gehäufte Fälle in Afrika.

Ende März hat der Kanton einen Strategieplan für eine Grippewelle, den Influenza-Pandemieplan, publiziert. Sind wir nun sicher?


Sicher ist, dass wir eine gute Planungsgrundlage haben. Im öffentlichen Gesundheitswesen wurden konkrete Massnahmen vorbereitet. Nun braucht es weitere Planung und Massnahmen bei Behörden, Betrieben und im öffentlichen Verkehr.



Schlimmste Szenarien gehen von einer Erkrankungsrate von einem Viertel der Bevölkerung aus. Wie wahrscheinlich sind die?


Das ist schwierig abzuschätzen. Nicht alle Viren machen gleich stark und schnell krank. Faktoren


«Die psychologischen Auswirkungen wären nicht zu unterschätzen. Es würden gewaltige Gerüchte zirkulieren.»





sind auch die rasche Früherkennung und der Stand der Vorbereitung. Unsere Planung will genau diesen «Worst Case» verhindern.

Bei der Spanischen Grippe 1918/19 starben schweizweit 25 000 Leute. Gäbe es heute auch so viele Tote?


Die Situation war speziell, die Leute waren durch den Ersten Weltkrieg geschwächt. Heute sehe ich eine besondere Schwierigkeit in der hohen und schwer kontrollierbaren Mobilität der Leute.

Wie lange würde eine grosse Pandemie dauern?


Die WHO unterscheidet sechs Phasen. Was Sie ansprechen, ist die Phase 6, wenn das Pandemievirus anhaltend von Mensch zu Mensch übertragen wird. Eine Welle kann bis zu zwölf Wochen dauern. Es sind aber auch mehrere Wellen möglich. Heute stehen wir gemäss WHO in der Phase 3, der pandemischen Warnperiode. Es sind isolierte Infektionsfälle beim Menschen mit dem Vogelgrippevirus H5N1 bekannt, aber noch keine bestätigten Mensch-zu-Mensch-Übertragungen aufgetreten.

Wie würde eine Pandemie unser Alltagsleben verändern?

Die Regale in den Läden wären rasch leer. Ausfälle gäbe es auch im öffentlichen Verkehr, Schwierigkeiten womöglich im Geldverkehr. Das soziale Leben wäre mit drastischen Einschränkungen belegt, etwa durch Veranstaltungs- und Reiseverbote, Schulschliessungen. Wegen des überlasteten Gesundheitssystems käme es zu Personalausfällen bei der Kommunikation, der Energieversorgung, der öffentlichen Sicherheit oder der Abfallentsorgung. Es könnte Plünderungen geben wie bei der Flutkatastrophe in New Orleans. Nicht zu unterschätzen sind die psychologischen Auswirkungen. Es würden gewaltige Gerüchte zirkulieren.



Ist das nicht schwarz gemalt? Ein Kraftwerk zum Beispiel braucht doch nicht so viel Personal.


Gerade in hoch spezialisierten Betrieben wie Kernkraftwerken sind Personalausfälle ein besonderes Problem. Hier sind für Schlüsselpositionen nur beschränkt Ersatzleute verfügbar.



Bei einer normalen Grippe liegt die Erkrankungsrate bei zwei bis fünf Prozent. Ab welcher Rate ist das öffentliche Leben beeinträchtigt?


Es kommt darauf an, wie gut wir die Ressourcen hochfahren können. Um die Kapazitäten zu erhöhen, müssten Spitäler Wahloperationen absagen, leichtere Fälle müssten womöglich zu Hause oder in Heimen gepflegt werden.



Wo orten Sie zurzeit die grössten Defizite bei der Vorbereitung auf eine Pandemie?


Mich beunruhigt das mangelnde Bewusstsein der Bevölkerung für eine schleichende, eher zunehmende Bedrohung. Ein zweiter Punkt ist die noch fehlende Pandemieplanung in vielen Betrieben. Und der dritte Punkt ist ganz banal: Uns ist das Bewusstsein für elementare Hygiene abhanden gekommen. Wir wissen nicht mehr, dass schon nur Händewaschen uns vor Infektionen schützen kann.



Ich muss mich also persönlich auf eine Pandemie vorbereiten.


Wir denken heute, alles könne sofort gekauft oder geflickt werden. Bei einer wirklichen Krise ist die Beschaffbarkeit ein zentrales Problem. Und eine solche Krise kann sehr rasch eintreten. Da sollten wir uns schon vorher absichern. Dazu gehört das Wissen um das eigene soziale Netz. Es ist auch wichtig, einen kleinen Notvorrat zu halten. Bald werden die Grossverteiler Schutzmasken im Sortiment haben. Hierzu wird es Empfehlungen des Bundes geben.



«Kluger Rat, Notvorrat»: Das tönt ja wie im Kalten Krieg.


Die weltweite Vernetzung ist eine Errungenschaft unserer Zeit, aber sie kann auch Gefahr sein. Das Netz kann reissen. Auch Staaten müssen sich vorsehen. Die Schweiz hat zum Beispiel keine eigene Grippe-Impfstoff-Produktion. Der Bund hat daher einen Vorrat von acht Millionen Dosen präpandemischen Impfstoffes bestellt, der in der Armeeapotheke gelagert werden soll und bei einer Bedrohung verteilt werden kann.



Die Grossbank UBS hat an alle Mitarbeiter ein Pandemie-Set (Masken, Fiebermesser, Panadol) abgegeben. Sie haben diese Aktion als nicht eben sinnvoll eingestuft («Bund», 15. Februar). Wie sollten sich denn Firmen auf eine Pandemie vorbereiten?


Firmen müssen definieren, welche Prozesse für sie lebenswichtig sind und wie sie diese mit massiv reduziertem Personalbestand aufrechterhalten können. Sie müssen ausloten, ob Pensionierte eingesetzt werden könnten. Auch kann heute mit schnellen Internetverbindungen von zu Hause aus gearbeitet werden. Für Personen, die im Pandemiefall am Arbeitsplatz in Betrieben benötigt werden, sollten Massnahmen für Eingangskontrollen oder Seuchenteppiche vorbereitet sein. Grossbanken etwa sind in der Pandemieplanung schon sehr weit, zum Teil wurden Szenarien real durchgespielt. Das Pandemie-Set erachte ich nicht als falsch. Schutzmasken garantieren allerdings keinen Schutz vor Ansteckung. Fraglich ist auch, ob die Abgabe eines solchen Sets zum jetzigen Zeitpunkt verhältnismässig ist.



Steht denn der Kanton Bern mit seinen Vorbereitungen gut da?


Wir haben vieles konkret vorbereitet, Prozesse und Abläufe festgelegt und mit den Betroffenen praktisch umsetzbare Pläne und Massnahmen vorbereitet. Es liegen Merkblätter und Verhaltensanweisungen vor, so zum Beispiel für Schulschliessungen. Die öffentlichen Spitäler haben ihre Vorsorge bei Material und Medikamenten erhöht. Mich freut, dass die Partner im Gesundheitswesen bei der Planung aktiv mithelfen.



Im Pandemieplan des Kantons ist von Lücken im übergeordneten Influenza-Pandemieplan Schweiz 2006 die Rede. Worin bestehen die?


Die Planung des Bundes ist insgesamt gut. Die Vorgaben sagen aber beispielsweise nicht, wer im Falle einer Medikamentenknappheit zuerst behandelt würde. Das könnte zu regional unterschiedlichen Vorgehensweisen und so zu politischen Problemen führen.



1918 gab es die Spanische, 1957 die Asiatische, 1968 die Hongkong-, 1977 die Russische Grippe. Warum erst jetzt ein Pandemieplan?


Die Sars-Seuche war für alle ein Warnschuss. Da geschah weit entfernt etwas und wurde innert kurzer Zeit eine Bedrohung auch für


«Uns ist das Bewusstsein für elementare Hygiene abhanden gekommen. Schon Hände waschen kann schützen.»





uns. Die Vogelgrippe verstärkte den Handlungsdruck. Die WHO ergriff zusammen mit den Ländern die Initiative. Wichtig war auch die Gesamtnotfallübung «Epidemie Schweiz» von 2005, die zeigte, wie sehr im Pandemiefall die Departemente untereinander und die Kantone zusammenarbeiten müssten.

Sind für andere Katastrophen ähnlich detaillierte Aktionspläne ausgearbeitet worden?

In dieser Art ist das meines Wissens der erste. Es gibt Bereiche, denen der Bund besondere Beachtung schenkt: Epidemien und Radioaktivität. Für beides liegen auch Bundesgesetze vor, für beides beansprucht der Bund die strategische Leitung. Klar ist aber, dass die operative Umsetzung bei den Kantonen liegt.

Peter Frey


Peter Frey, 64 Jahre alt, ist Arzt und diplomierter Physiker. Seit 1992 amtet er in Bern als stellvertretender Kantonsarzt. Vorher war er an verschiedenen grossen Spitälern der Schweiz und an Forschungszentren tätig, so zum Beispiel am Cern in Genf. Als Oberst hat er das Spitalregiment 1 der Schweizer Armee kommandiert. Frey ist Chef Sanität im kantonalen Führungsorgan, das im Katastrophenfall zum Einsatz kommt. Zudem ist er als Fachberater für medizinische Massnahmen bei radioaktiven Katastrophen beim Verteidigungsministerium und dem Katastrophenhilfekorps tätig. Peter Frey ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Söhne. (al)

Der Pandemieplan

Um auf eine weltweite Grippeepidemie – eine Pandemie – vorbereitet zu sein, arbeiten die Kantone zurzeit Pläne aus. Grundlage sind die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sowie der Influenza-Pandemieplan Schweiz 2006. Im März hat der Kanton Bern im Internet seinen Influenza-Pandemieplan für das öffentliche Gesundheitswesen publiziert («Bund», 22. März). In den Monaten zuvor haben 50 Fachpersonen unter der Leitung des Kantonsarztamtes die möglichen Auswirkungen einer Pandemie auf das bernische Gesundheitswesen untersucht. Planerisch konkretisiert wurden auch die Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Die Themenbereiche des 250 Seiten starken Planes reichen von der Abgabe von Grippemedikamente über Früherkennung von entsprechenden Viren bis hin zur Kommunikation im Krisenfall. Der Pandemieplan wird regelmässig überprüft und den neusten Erkenntnissen angepasst. (sda/al)


[@] www.be.ch/pandemie

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