lundi, 15 juin 2009

Sonntag läuft die ganze Woche

Der «Sonntag» wünscht Herrn Sonntag einen schönen Sonntag. Der 83-jährige Stuttgarter Werner Sonntag hat in der Nacht auf Samstag zum 34. Mal am legendären 100-Kilometer-Lauf in Biel teilgenommen und braucht nun Erholung.

VON FELIX BINGESSER

«Wenn ich jeweils trainiere», sagt Werner Sonntag und räuspert sich, als wäre ihm dies gar nicht so recht, «begegne ich vielen in meinem Alter, die bereits mit dem Gehwägelchen unterwegs sind». Werner Sonntag braucht kein Wägelchen. Er ist ein Urgestein des Laufsports, eine Ikone des Marathons, ein «Apologet des Erlebnis- und Ultralangstreckenlaufs», wie es in seinem ausführlichen Wikipedia-Eintrag heisst.

Und Werner Sonntag ist nicht nur gelaufen, er hat dem Laufsport auch unzählige Fachartikel gewidmet. Und über den legendären 100-Kilometer-Lauf in Biel hat er schon vor vielen Jahren ein Buch geschrieben. Der Titel «Irgendwann musst Du nach Biel» ist in Laufkreisen längst zum geflügelten Wort geworden. Und zum letztjährigen 50-Jahr-Jubiläum hat er das Werk «Bieler Juni-Nächte» verfasst.

Der mittlerweile 83-jährige Werner Sonntag hat ein bewegtes Leben hinter sich. Nicht nur, weil er immer in Bewegung war. Denn in seiner Jugendzeit war er ein Sportmuffel. «Ich bin in der Nazizeit aufgewachsen. Damals galt die sportliche Leistung mehr als die intellektuelle Leistung. Das hat mir gar nicht gepasst», sagt Sonntag.

Er musste trotzdem Kriegsdienst tun und geriet in sowjetische Gefangenschaft. 1952 kündigte Werner Sonntag seine Stelle bei der Zeitung «Junge Welt» in Berlin und zügelte von Ost-Berlin in die Region Stuttgart. Der Schritt von der damaligen DDR in die Bundesrepublik war ein Kulturschock. Sonntag blieb Journalist. Er arbeitete 17 Jahre für die Stuttgarter Zeitung.

in diese Zeit fiel, dass Herr Sonntag auch Sonntagsdienste auf der Redaktion erledigen musste, ihn dieser Stress aber ziemlich belastete. Mit 40 Jahren litt er unter Migräne und sein Arzt verordnete ihm Medikamente und «viel Bewegung». Werner Sonntag befolgte diesen Rat.

Wenn er heute gefragt wird, wie viele Kilometer er denn seither gelaufen sei, dann räuspert er sich wieder kurz. «Schätzungsweise 150 000», sagt er dann. Das Laufen wurde zum Lebenselixier des Mannes, der seit 54 Jahren verheiratet ist. Leben ist Laufen. Oder umgekehrt.

Der 100-Kilometer-Lauf in Biel ist seine grosse Liebe und seine Passion geworden. Am letzten Freitag ist er mit gemischten Gefühlen in Ostfildern bei Stuttgart in sein Auto gestiegen und alleine nach Biel gefahren. So, wie er das seit 1972 jedes Jahr tut. Gemischte Gefühle, «weil ich zwei operative Eingriffe hatte und zehn Tage im Krankenhaus war.

Ich konnte nicht richtig trainieren und dieser Trainingsrückstand wird sich bemerkbar machen. Da muss man realistisch sein», sagt Sonntag, der auf Vollwertkost schwört und nur Wasser und Tee trinkt. Kein Doping? «Wo denken Sie hin. Ich trinke nicht einmal diese teuren istotonischen Sportlergetränke».

Die Nacht von Freitag auf Samstag ist Sonntag bei kühlen Temperaturen durchgelaufen, bei Sonnenaufgang wurde Herr Sonntag dann reich belohnt: «So wunderbar war das Panorama noch nie!». Doch es wurde heiss und in Kirchberg, bei Kilometer 56, ist er ausgestiegen. Vor zwei Jahren hat er nach einer Bypass-Operation die 100 Kilometer geschafft. «Aber jetzt muss ich realistisch sein. Ich kann mein Alter nicht übertölpeln.» Er hat ein kurzes Mittagsschläfchen gehalten und hat sich gestern Abend ein feines Nachtessen im Hotel Krone in Aarberg gegönnt. «Orale Tröstung», nennt er dies.

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