dimanche, 31 août 2008

«Die Preise werden weiter unter Druck geraten»

Migros-Handelschef Ernst Dieter Berninghaus über Beschaffungsquellen und den Preis der Qualität

Von Andrea Fiedler, Reto Thöny

Herr Berninghaus, frühere Stationen Ihres Berufslebens waren Metro und Rewe. Was unterscheidet die Migros von solchen international tätigen Händlern?

Die Mitarbeiter der Migros identifizieren sich enorm mit dem Unternehmen. Das ist viel ausgeprägter als in vielen europäischen Unternehmenskulturen.

Wie erleben Sie das persönlich?

Den Manager als Unternehmenssöldner, dem man in vielen grossen Konzernen begegnet, findet man in der Migros nicht.

Aufgrund Ihrer Vergangenheit wurden Sie bei der Migros nicht überall mit offenen Armen empfangen. Wie ist das heute, ein halbes Jahr nach Ihrem Antritt?

Selbst am Anfang habe ich das nicht so empfunden. Bislang habe ich eine sehr offene, persönlich angenehme und ehrliche Atmosphäre erlebt. Dafür spricht auch die Tatsache, dass sich alle Gremien einstimmig für mich entschieden haben.

Sie werden als Mann mit internationaler Erfahrung gelobt. Was bringen Sie der Migros?

Internationalität heisst nicht, dass man in mehreren verschiedenen Ländern gearbeitet hat, sondern dass man die internationalen Mechanismen verstanden hat. Für ein Handelsunternehmen sind internationale Standards punkto IT, Transparenz, Denkweise, Strategie oder Wettbewerbsfähigkeit heute ein Qualitätsmerkmal. Das gilt auch für Händler, die nur national tätig sind. Hier kann ich mich sicher einbringen.

Was heisst das für das Migros-Departement Handel, für das Sie verantwortlich sind?

Interio steht in der Schweiz im internationalen Wettbewerb mit Ikea. Denner sieht sich mit Aldi und Lidl konfrontiert, Ex Libris mit Media-Markt. Wir müssen unseren Konkurrenten auf Augenhöhe begegnen können. Nationale Händler müssen sich mit internationalen Standards auseinandersetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Diesen Anspruch wollen wir im Departement Handel erfüllen.

Was heisst das für die Preise?

Die Preise werden tendenziell weiter unter Druck geraten, der Wettbewerb verschärft sich.

Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Migros insgesamt konfrontiert?

Der Druck auf die Margen nimmt zu. Die Industrie drängt auf enorme Erhöhungen der Einstandspreise, bedingt durch die zum Teil markante Erhöhung der Rohstoffpreise. Diese kann und will der Handel nur begrenzt an die Kunden weitergeben. Die Auseinandersetzung zwischen Handel und Industrie wird deutlich schärfer.

Was meinen Sie damit?

Es kann einfach nicht sein, dass die Nahrungsmittelmultis wahnsinnige Preiserhöhungen verlangen und dabei absolute Rekordgewinne machen. Die Handelsstufe kann dann diese Preise nicht weitergeben. Da stimmt die Relation nicht mehr.

Welche Schlüsse zieht die Migros?

Wir sind zwar nur national aufgestellt. Dennoch haben wir den grossen Vorteil unserer eigenen Industrie. Diese Vertikalität wird für die Handelsunternehmen das zentrale Thema der nächsten Zukunft: Sicherstellung der Beschaffungsquellen wie zum Beispiel Rohstoffe und Ernten.

Will die Migros von der Ernte bis zum Endprodukt die ganze Kette sichern und über die eigene Industrie hinaus Produktionsstätten auch im Ausland aufkaufen?

Wir diskutieren die Sicherstellung einer absolut verlässlichen Wertschöpfungskette intensiv. Ein Händler muss künftig so weit gehen, dass er sich an der Quelle in bestimmten Bereichen Ressourcen sicherstellt, sei es allein oder in Gruppen

ein Beispiel?

Etwa Fischfangrechte oder Rechte an Ernten.

Was bringt das den Konsumenten?

Heute sichern sich die Händler ihre Versorgung im Wesentlichen über internationale Nahrungsmittelkonzerne, Grosshändler und Hersteller von Handelsmarken und sind damit abhängig von deren Strategie. Für den Konsumenten ist es am Ende verlässlicher und glaubwürdiger, wenn der Händler selbst zu dem schaut, was er anbietet, so, wie es die Migros tut.

Wie agiert die Migros im Vergleich zu anderen Detailhändlern?

Die Migros ist hier ganz vorne, aber alle grossen europäischen Händler arbeiten an diesem Thema. In Europa sieht man derzeit wieder einen grossen Trend zur Handelsmarke. Ein Beispiel ist der Discounter Lidl, der jetzt eigene Produktionsbetriebe kauft. Dahinter steckt genau diese Überlegung.

Was ist der Hintergrund davon?

Durch grundsätzliche Diskussionen zu Themen wie Knappheit von Rohstoffen oder Verwendung von traditionellen Nahrungsmitteln zur Energieverwendung stellt der Konsument mehr Fragen: Woher kommen Produkte, wie werden Produkte gemacht, gibt es künftig die Produkte noch, die wir brauchen? Aus einer gewissen Verunsicherung stellt der Konsument Fragen zur Versorgungssicherheit und Qualität. Die Antwort darauf ist, als Unternehmen absolut verlässlich zu sein.

Hat sich das Verhalten der Konsumenten verändert?

Das Bewusstsein beim Verbraucher, dass ein Lebensmittel ein wesentlicher und kein selbstverständlicher Bestandteil im täglichen Leben ist, wird in den Vordergrund rücken. Dieses Thema gab es in den letzten 20 Jahren so nicht. Lebensmittel wie Reis oder Weizen waren frei verfügbar.

Ist der Konsument qualitätsbewusster geworden?

Der Kunde wird die nachhaltige Sicherung der Qualität künftig honorieren und nicht nur nach dem Preis fragen. Ich kann mir vorstellen, dass es eine Verschiebung des Kaufverhaltens gibt im Sinn von: Weniger ist mehr.

In der Schweiz werden etwas über 42 Milliarden Franken jährlich für Lebensmittel ausgegeben. Gehen Sie davon aus, dass die Umsätze auf diesem Niveau bleiben?

Ich denke schon. Verschiebungen gibt es bei der Sicherstellung dieses Kuchens und - nach hinten - dabei, wie dieser Kuchen gebacken wird.

Aber Ihr Konkurrent Coop ist doch ganz anders aufgestellt.

Wer über eine vertikale Wertschöpfungskette wie die Migros verfügt, ist langfristig im Vorteil. Wenn man bei der Markenindustrie kauft, ist man ausgeliefert, wenn es heisst: Rohstoffpreise hoch, also Produktpreise hoch. Was im Nonfood längst gegeben ist, wird sich auch bei den Lebensmitteln durchsetzen. Die erfolgreichsten Nonfood-Konzepte sind die, die von der Quelle bis zum Endverbraucher vertikal aufgestellt sind. Im Textilbereich etwa Zara oder H & M oder bei den Möbeln Ikea.


Publiziert am 30.08.2008

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