dimanche, 10 février 2008

Gratis und erst noch legal

SonntagsZeitung | Multimedia

Aus der aktuellen Ausgabe

Gratis und erst noch legal

Legalisiert:

Lenny Kravitz, Avril Lavigne, Alicia Keys, sowie Tausende weitere Sänger sind künftig im Internet gratis zu haben


Die grossen Plattenfirmen öffnen ihre Bestände für kostenlose Downloads

von Barnaby SKinner

Die grossen Plattenfirmen vollziehen einen radikalen Strategiewechsel. Sony BMG, EMI und Co. erkennen, dass das Internet und der Mobilfunk die traditionellen Distributionskanäle auf immer zerschlagen haben. Zaghaft beginnen sie sich mit alternativen Verkaufsmodellen zu arrangieren und wenden sich dabei werbefinanzierten Musikplattformen wie QTrax, We7 oder Spiralfrog zu. In diesen Tagen verhandeln sie mit Google über legale Gratis-Downloads.

Jahrelang hat die Branche Kostenlos-Dienste bekämpft und Bezahlangebote gefördert. Letztere haben jüngst sogar massiv zugelegt. Hier zu Lande haben letztes Jahr iTunes von Apple, der weltweite Branchenführer von bezahlten Musik-Downloads, und die zur Migros gehörende Ex Libris, die Nummer zwei im Schweizer Internet, gemeinsam einen Umsatz von über 10 Millionen Franken erwirtschaftet. Warum gefährdet die Musikbranche diese Erfolgsgeschichten, indem sie auf Gratisangebote setzt?

Der Industrie sind die Einnahmen nicht hoch genug. Sie gleichen die schwindenden CD-Einkünfte nicht annähernd aus. Jahr für Jahr kämpft die Branche in der Schweiz mit Umsatzeinbrüchen von bis zu 30 Millionen Franken. In anderen Märkten sieht es ähnlich aus. Geht diese Entwicklung weiter, wird 2007 das schlechteste Jahr seit 1986 sein.

Hilflos muss die Popindustrie beobachten, dass im Netz nicht die offiziellen Läden die Magnete für Musikfans sind. Wer wissen will, was angesagt ist, ist Teil einer Gemeinschaft wie MySpace oder besucht Musikersites des Schweizer Radios MX3 und Online-Magazine wie Tonspion.de. Dann lädt er seine Lieblingssongs illegal und umsonst bei Tauschbörsen wie Bittorrent, Gnutella oder Emule herunter.

Mit aufwändigen Gerichtsverfahren setzte die Industrie auf eine Einschüchterungsstrategie, um den Gebrauch von Tauschbörsen einzudämmen. Vergeblich. Die Cablecom bestätigt, dass Tauschbörsen noch nie so viel Verkehr verursacht haben wie heute. Beim Schweizer Kabelanbieter sind sie für rund ein Viertel des gesamten Internet-Download-Verkehrs verantwortlich; beim Upload gar für rund die Hälfte. Rund um die Uhr tummeln sich beim Dienst Bittorrent gleichzeitig sechs Millionen Online-Nutzer und tauschen monatlich eine Milliarde Lieder.

Die Plattenindustrie will jetzt am Datentausch mitverdienen. Noch nimmt sie das Wort gratis ungern in den Mund, doch es geht nur noch um Spitzfindigkeiten. Nicht die Musik selber sei gratis, sagt James Steven, der Pressechef von Warner Music, sondern der Zugang zur Musik. Dem Musikliebhaber ist diese Unterscheidung egal. Hauptsache, er kommt umsonst an seine Songs.

We7 von Peter Gabriel verfügt über 500 000 Gratis-Songs

We7 ist der erste Dienst, der Musik weltweit gratis und legal in grossem Umfang anbietet. Ins Leben gerufen hat ihn Peter Gabriel, der frühere Frontmann der Genesis. We7 hat rund 500 000 Lieder im Angebot. Ganze Alben, vom Bluesgitarristen John Lee Hooker, von Frank Sinatra oder von den Ramones, können hier umsonst gehört und beliebig oft auf CD gebrannt oder auf den MP3-Spieler kopiert werden. Der Haken: Der Hörer muss am Anfang des Songs bis zu 15 Sekunden Werbung über sich ergehen lassen. Nach vier Wochen kriegt er einen Zugangscode, um dasselbe Lied werbefrei zu kopieren.

Ein anderes Modell verfolgt Spiralfrog. Der Dienst ist derzeit ausschliesslich in den USA zugänglich und hat zwei Millionen Lieder im Angebot. Die Songs von Spiralfrog sind so lange gültig, wie man monatlich seine Mitgliedschaft erneuert. Bei jeder Bestätigung wird man jeweils mit Banner-Werbung konfrontiert. Dateien können nicht auf CD gebrannt, wohl aber auf einen MP3-Player überspielt werden.

Der bisher grösste legale Gratisdienst wurde an der führenden Musikmesse Midem in Cannes angekündigt. Der Anbieter QTrax gab bekannt, dass er bis März 2008 über 25 Millionen Songs umsonst im Angebot haben werde – fünfmal mehr als beim Bezahldienst iTunes. Wie bei Spiralfrog will der Dienst mit Banner-Werbung Geld machen und den Plattenfirmen am Ertrag so viel auszahlen, wie Songs heruntergeladen werden.

Vielleicht war die schiere Masse an Liedern der Industrie zu viel des Guten. Die Lancierung von QTrax geriet schliesslich zur Panne. Die grossen Labels EMI, Universal, Warner Music und Sony BMG bestätigten zwar Verhandlungen, noch sei aber nichts unterschrieben. Jetzt ist ungewiss, wann der Dienst starten soll. Die Rede ist von Mitte März.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich grosse Plattenfirmen mit QTrax oder einer ähnlichen Firma einigen. In China könnte dies bereits Ende Februar der Fall sein. Dort stehen Sony BMG und EMI mit Google in Verhandlungen. Im Reich der Mitte blockiert die US-Suchmaschine ganz zur Freude der Musikbranche Zugänge zu illegalen Tauschbörsen.

Google verliert damit aber Marktanteile und ist nur noch die Nummer zwei hinter der heimischen Suchmaschine Baidu. Der chinesische Branchenführer blockiert die Tauschbörsen nicht. Gemeinsam mit der Plattenindustrie will Google nun die illegalen Tauschbörsen ausstechen und Musikfans anlocken, indem sie selber Gratismusik anbietet. Wie bei We7 von Peter Gabriel wird dabei jeder Musik-Download mit Werbung versehen, die sich nach einer bestimmten Anzahl Anhörungen automatisch löscht.

Ex Libris, die Nummer zwei in der Schweiz, hat keine Angst

Musiker selber verlassen sich längst nicht mehr auf die CD-Verkäufe. Die Rolling Stones verdienen ihre Millionen nicht mehr mit Albenverkäufen, sondern mit teuren Konzerttickets. Auch Schweizer Künstler wie DJ Tatana setzen den Fokus nicht auf den Tonträgerverkauf, sondern betrachten ihre Aufnahmen als Promotionswerkzeuge für Auftritte und Merchandise. Die britische Band Radiohead drehte dies im Oktober 2007 ins Extrem und bot ihr neustes Album zum freiwilligen Preis im Netz an. Bands wie The Arctic Monkeys aus England sind durch Gratis-Downloads in Tauschbörsen überhaupt erst bekannt geworden.

Bezahldiensten hingegen wird es an den Kragen gehen, wenn sich werbefinanzierte Angebote durchsetzen. iTunes, mit einem Marktanteil von rund 90 Prozent im Schweizer Musikdownload-Handel klarer Marktführer, wollte sich nicht zur drohenden Gratiskonkurrenz äussern. Ex Libris, der zweite grosse Online-Laden hier zu Lande, macht sich keine Sorgen über die kostenlosen Dienste. Roger Huber von Ex Libris, glaubt, dass Schweizer Konsumenten kaum noch mehr Werbung in ihrem Alltag goutieren. Er rechnet dieses Jahr mutig mit einer Verdreifachung des Verkaufs von Musik-Downloads ohne Kopierschutz.

Trotzdem sollten Online-Musikanbieter penibel verfolgen, wie sich Musikdownloads durch Reklame finanzieren lassen. Durch Werbung finanzierte Geschäftsmodelle haben sowohl den Fernsehmarkt wie auch den Zeitungsmarkt auf den Kopf gestellt; mit Suchmaschinenmarketing haben sie gar eine milliardenschwere Branche kreiert. Nun ist die Musikbranche an der Reihe.

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