dimanche, 24 février 2008

BILANZ - Apple: Keine Priorität

BILANZ - Apple: Keine Priorität

Apple

Keine Priorität

Bis das iPhone in der Schweiz offiziell zu kaufen ist, wird es noch Monate dauern – Hintergründe einer vertrackten Lancierung.

Text: Stefan Barmettler
Bild: Keystone

Der iDay ist – der Exklusivität angemessen – ein spezielles Datum: 29. Februar. Am Schalttag, davon ist die iPhone-Fangemeinde felsenfest überzeugt, wird das elegante Touchscreen-Gerät in der Schweiz lanciert. Die Swisscom soll in einer Lagerhalle bei Bern schon über 1000 Geräte gebunkert haben, bereit für den Rollout Ende Monat.

Ein Freund, der bei der Swisscom arbeitet, habe recherchiert, heisst es im Apfelblog und in anderen Foren, wo sich die Spekulationen über das Kulthandy fast stündlich überschlagen.

Bloss: Der Launch in der Schweiz, so zeigen Recherchen, lässt noch Monate auf sich warten. Bislang hat Apple-Chef Steve Jobs die Kernmärkte USA, Frankreich, England und Deutschland bedient, wo er mit AT&T, O2, T-Mobile und Orange exklusive Vertriebsverträge abschloss. Für die Schweiz aber wurden bisher noch keine ernsthaften Verhandlungen mit den Providern von Swisscom, Sunrise oder Orange aufgenommen. Offiziell wird das zwar bestritten. Als Sprachregelung gilt: Man redet miteinander auf Konzernstufe, doch seien noch keine Verträge unterzeichnet.

Ein Telekom-Kader mit Einblick in die «Gespräche» sagt: «Die Schweiz hat keine Priorität.» Von Cupertino aus peilt man nach den USA und ein paar Kernmärkten in Europa als Nächstes Asien an. Japan zählt 98 Millionen Handy-Kunden.

Noch ist also nicht entschieden, wer das Gerät in der Schweiz vertreiben darf. Und wenn, ist weitere Geduld gefragt. «Nach einer Vertragsunterzeichnung dauert es erfahrungsgemäss mehrere Wochen bis zur Lancierung eines Produkts», weiss Swisscom-Sprecher Carsten Roetz: bis Pricing und Werbekampagne stehen, das Handy auf die Netzspezifitäten adaptiert, das Personal instruiert und die Lager gefüllt sind.

Techniker meinen, beim iPhone mit seinen Spezialfeatures dürfte die Homologisierung sogar zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen. Konkret: Selbst wenn man sich in den nächsten Wochen mit einem Provider einigen sollte, wäre das Trendgadget nicht vor Frühsommer in den Läden.

Wäre. Denn es gibt Indizien, wonach Apple erst die zweite iPhone-Generation im anspruchsvollen Schweizer Markt lancieren will, jene Handys also, die mit der schnelleren UMTS-Internettechnologie statt mit der derzeitigen Edge-Datenübertragungstechnologie ausgerüstet sind. Die UMTS-Geräte aber sind frühestens in einem halben Jahr verfügbar, wie Jobs bestätigt: «Ich hoffe, im Herbst 2008.»

Man erinnert sich: Bereits die iTunes-Einführung war ein Murks. Nachdem Jobs den Bezahlmusikdienst im Herbst 2003 in den USA lanciert hatte, dauerte es über zwei Jahre, bis dieser auch in der Schweiz aufgeschaltet war.

Komplex sind Vertragsverhandlungen mit Apple allemal, auch im Falle des iPhone: Jobs hat bis dato durchgesetzt, dass er nicht nur den Gerätepreis kassiert, sondern auch am Umsatz des iPhone-Kunden partizipiert. Gemäss US-Quellen solle er so zusätzliche 200 Dollar je Handy und Jahr einstreichen. Ein Geschäftsmodell, das die traditionelle Kalkulation in der Schweiz in Frage stellt. Und wie reagieren etwa Swisscom oder Sunrise, wenn plötzlich auch Marktführer Nokia auf eine Minutenbeteiligung pocht? Den Ambitionen der drei Grossen tut dies zumindest offiziell keinen Abbruch – man will Jobs als Aushängeschild und hofft auf einen Imagetransfer.

Allerdings nimmt mit jedem Monat das Interesse der Heavy Users ab, weil sie zunehmend auf inoffizielle Kanäle ausweichen. Heute sind bereits über 11 000 iPhones im Einsatz – bei der Swisscom rund 5200, bei Orange 3300, bei Sunrise 2700. Mit dem tiefen Dollarkurs wird die Zahl weiter steigen. In den USA kostet das 8-Giga-Gerät umgerechnet 450 Franken, über den Schweizer Graumarkt ist es für 750 Franken zu haben. Einen Hack gibt es, je nach Firmware und Lieferanten, für 100 bis 150 Franken. Allerdings kursieren im Internet längst kostenlose Entsperranleitungen; es dauerte bloss eine Woche, bis selbst vom neuen 16-GB-Gerät das Knackvideo auf YouTube erschien. Jedes vierte Handy, hat «Business Week» berechnet, dürfte mittlerweile weltweit entsperrt sein. Zumindest diesbezüglich hat die Schweiz die Nase vorn: Hier sind es 100 Prozent.

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