dimanche, 24 février 2008

24.02.2008: Uri Geller - alles nur Bschiss? | > CH | Jetzt im «Sonntag» | www.sonntagonline.ch

24.02.2008: Uri Geller - alles nur Bschiss? | > CH | Jetzt im «Sonntag» | www.sonntagonline.ch

Uri Geller - alles nur Bschiss?

Die Fernsehshow «The Next Uri Geller» geht kommende Woche zu Ende.

Von Felix Straumann

Gedämpftes Licht, geheimnisvolle Musik und selbst ernannte Magier, die mit irgendwelchen Tricks Promis und Fernsehzuschauer beeindrucken möchten. Die Fernsehshow «The next Uri Geller» auf ProSieben, die kommende Woche in die vorletzte Runde geht, fasziniert im deutschsprachigen Raum immer noch ein Millionenpublikum.

In der Schweiz werden am nächsten Dienstag schätzungsweise zweihunderttausend Zuschauer vor der Flimmerkiste sitzen.

Vielen ist das Zauberspektakel allerdings einfach zu blöd: Zu viel Hokuspokus, zu viele Tricks, die nicht funktionieren, zu viel fauler Zauber. Und damit wäre eigentlich alles Wesentliche gesagt, gäbe es nicht eine Gruppe von Menschen, die sich durch Uri Geller masslos provoziert fühlen.

Der 1946 in ärmlichen Verhältnissen geborene Israeli ist für diese Leute ein Symbol für zunehmende Volksverdummung und den schleichenden Verlust rationalen Denkens in der Gesellschaft. Und dies schon seit Anfang der 1970er- Jahre, als Geller durch Auftritte in Fernsehshows zum ersten Mal weltweit für Furore sorgte.

Damals kopierte er angeblich durch telepathische Kräfte versteckt gemalte Zeichnungen, brachte stehen gebliebene Uhren zum Ticken und verbog oder zerbrach immer wieder Essbesteck. Dass seine vermeintlich übersinnlichen Kräfte schnell als Tricks entlarvt wurden, tat seiner Popularität keinen Abbruch.

Zu den Menschen, die sich um den Verlust kritischen Denkens in der Bevölkerung durch Hokuspokus wie die Uri- Geller-Show sorgen, gehört der Naturwissenschafter Martin Mahner aus dem deutschen Rossdorf: «Als Wissenschafter weiss man, dass es Unfug ist.»

Mahner (der Name ist Programm) ist Gründungsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken.

Seine Mission ist die der GWUP: «Aufklärung, kritisches Denken und die Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden.»
Die Organisation, die kritische Informationen zu zahlreichen Themen von Astrologie über Homöopathie bis zum UFO sammelt und verbreitet, läuft dank der ProSieben-Show zu einer seit dem 20-jährigen Bestehen nie gesehenen Form auf.

Mit Interviews, Informationsseiten im Internet, Blogs und einer Sondernummer der eigenen Zeitschrift «Skeptiker» werden Uri Geller und seine Kandidaten entlarvt.

Mark Schmidt, Geller-Spezialist der GWUP, ist so arg überlastet, dass er für Anfragen kaum erreichbar ist. Was bei der ganzen Aufregung niemanden mehr zu interessieren scheint: Uri Geller behauptet gar nicht mehr, dass er übernatürliche Kräfte besitze. «Ich bin Entertainer», sagte er jüngst gegenüber einer Zauber-Zeitschrift.

Martin Mahner und Mark Schmidt stehen für einen besonderen Schlag von Menschen. Sie bezeichnen sich als Skeptiker und wollen für alles eine wissenschaftliche Erklärung. Wo andere über Wunderglauben und Irrationales einfach den Kopf schütteln und es dabei belassen, möchten sie die Gesellschaft vor vermeintlichem Ungemach beschützen – häufig mit Hang zum Missionieren.

Ein in der Schweiz profilierter Kreuzritter in Sachen Wissenschaft ist der Berner Medizinprofessor Beda Stadler. In Talkshows, Kolumnen und Meinungsartikeln kämpft er leidenschaftlich gegen das, was er als «Asterix-und Obelix-Situation» bezeichnet: Alle hätten Angst, dass ihnen der Himmel auf den Kopf falle und agierten deshalb völlig irrational.

Viele, auch Forscherkollegen, verstehen Stadlers Eifer nicht, zumal er mit seinen provokanten Äusserungen häufig in Fettnäpfchen tritt und wütende Reaktionen auslöst. Doch für Stadler ist klar: «Die Wissenschaft darf nicht den Mund halten.»

Stadler engagiert sich gegen Gentechnik-Skeptiker, Alternativmediziner oder Impfgegner. Doch seine Lieblingsfeinde sind Religiöse und Evolutionsleugner. «In der Schweiz ist es einfacher, schwul zu sein als ein Atheist», glaubt Stadler.

Dass der Kampf gegen Irrationales und Scharlatanerie grosse Opfer abverlangen kann, schreckt die Missionare im Dienste der Wissenschaft keineswegs.

«Durchwachte Nächte, Exis-tenzangst, Gerichtsverfahren, Gutachten, einstweilige Verfügungen: Das sind die Probleme, mit denen man rechnen muss, wenn man sich mit der Esoterik-Szene anlegt», weiss Erich Eder, Wiener Wissenschafter und Mitglied der GWUP.

Er fühlte sich vor Jahren durch einen Zeitungsartikel über die vermeintliche Wunderwirkung von so genanntem Grander-Wasser provoziert und schrieb in einem Leserbrief, «dass es sich hierbei um einen aus dem Esoterik-Milieu stammenden, para-wissenschaftlichen Humbug handelt, dessen kommerzielle Nutzung an gewerblichen Betrug grenzt».

Die Folge: Ein zweijähriger Rechtsstreit, den Eder am Ende immerhin gewann. Einzig den Betrugsvorwurf muss-te er widerrufen, da Irreführung der Konsumenten rechtlich offenbar nicht notwendigerweise Betrug ist.

Doch was bringt Skeptiker wie Eder, Stadler und Co. dazu, selbstaufopfernd den Kopf hinzuhalten? Diese Menschen seien häufig getrieben von einem falschen Wissenschaftsbild, sagt Peter Schneider, Psychoanalytiker und Kolumnist aus Zürich.

«Sie glauben, dass die Wissenschaft alles weiss und der einzig richtige Weg zu Erkenntnis ist.» Das habe etwas Theologisches. Und so wird der Streit Evolution versus Religion oder übernatürliche Kräfte versus fauler Zauber zu einem Kampf geschlossener Weltbilder, bei dem es keine Sieger geben kann.
(mz/owa)

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