dimanche, 18 novembre 2007

Big G is watching you

Big G is watching you

Google sammelt fleissig persönliche Daten – besser als jeder Marktforscher und Geheimdienstler

Von Michael Soukup
Die teure Espresso-Maschine ist das Herzstück jeder Büroetage. «An important piece of Google-infrastructure», wie ein Mitarbeiter schmunzelnd erklärt. Im Raum nebenan spielen ein paar Googler Billard. Oder hocken auf Google-Bällen und unterhalten sich angeregt. Die gute Laune irritiert. Auch die überall herumstehenden Metallschränke mit dem Schlitz auf der Oberseite scheinen ein wichtiger Bestandteil der Google-Infrastruktur zu sein. Es handelt sich um Sammelboxen für Akten, die später abgeholt und geschreddert werden. Und was ist mit den Überwachungskameras, die diskret oben an der Decke angebracht sind? Ein Schelm, wer gleich Böses denkt.

An der Freigutstrasse in Zürich arbeiten 300 Googler an einer besseren Welt. Begeistert, besessen, rund die um Uhr. «Google soll dein bester Freund sein», wie Googles blonde Vorzeigefrau, Vizepräsidentin Marissa Mayers, bei jeder Gelegenheit betont. Was aber, wenn Google zu deinem schlimmsten Feind wird?

Die Firma verdient nur mit einem von 30 Produkten Geld

Wie zur Beruhigung steht in der Firmenbroschüre: «Google will grossartige Produkte entwickeln, die die Nutzer lieben sollen.» Und weiter im Text: «Wie damit Geld verdient werden kann, ist sekundär.» Selbst Bill Gates staunt: «Google hat rund 30 verschiedene Produkte auf den Markt gebracht. Aber nur mit einem Produkt machen sie Gewinn».

Der Mann hat Google noch nicht ganz begriffen. Viel Geld verdient der Suchgigant tatsächlich nur mit Google AdWords, den vierzeiligen Text-Annoncen, die bei der Eingabe eines Suchwortes neben den Ergebnissen eingeblendet werden. In Zukunft könnten die übrigen 29 Produkte dazu dienen, die Reklame noch zielgenauer zu platzieren und noch mehr Geld zu generieren. Bisher hat Google jegliche Verknüpfung von Suchverhalten und persönlichen Daten zwar dementiert. Ein erster Schritt in diese Richtung ist aber getan: Mit dem systematischen Scannen von E-Mail-Inhalten wird personalisierte Werbung auf Google Mail geschaltet.

Nur weil «gratis» darauf steht, heisst das noch lange nicht, dass es gratis ist. Ob Google-Suche, Google Mail oder Google Video, kostenlos sind natürlich alle Google-Dienste. Aber der Nutzer zahlt einen hohen Preis für ihre Nutzung: Mehr als er jemals seinem besten Freund anvertrauen würde, gibt er Google intimste Informationen aus seinem Leben preis. Ganz freiwillig. In der Web-2.0-Welt kennt Mann und Frau keine Hemmungen mehr. Die Selbstentblössung wird vielmehr als gutes Tauschgeschäft für eine gute Dienstleistung betrachtet.

Tatsächlich sind Googles Leistungen gut. Die wenigsten Kunden sind sich bewusst, welche detaillierten Persönlichkeitsprofile mit der Zeit entstehen. Geschickt baut Google eine Produktpalette um seine Suchmaschine herum auf. Registriert und eingeloggt wird bei diesen Zusatzdiensten immer mit dem gleichen Passwort, dem Google-Mail-Passwort. Gelangt dieses in falsche Hände, bekommen Unbefugte Zugang zu allen Konten. Keine Marktforschungsfirma könnte ein besseres Kundenprofil, kein Privatdetektiv und kein Geheimdienst eine bessere Fiche erstellen.

Kontakte, Mails und Termine sind nur ein Passwort entfernt

Nehmen wir zur Veranschaulichung den Lebemann Eric S. – ein fiktives, aber keineswegs unrealistisches Beispiel. In Googles sozialem Netzwerk Orkut erfahren wir alles über Erics sexuelle Vorlieben. In Bild und Wort. Dank dem Google-Maildienst Gmail kennen wir nicht nur seine gesamte Kontaktliste, sondern wissen auch, mit welcher Bürokollegin er flirtet und dass er sich gerade bei der Konkurrenz bewirbt. Die entsprechenden Bewerbungsunterlagen finden sich in Googles Text & Tabellen. Ebenfalls dort sind in einer Tabellen-Datei Passwörter für das E-Banking und die Kreditkartennummern abgespeichert. Sicher ist sicher, denkt sich der gute Eric.

Der Google-Kalender verrät zudem, dass er nicht, wie seine Frau meint, an einer IT-Konferenz in Köln teilnimmt, sondern ein romantisches Wochenende mit seiner Geliebten in Ascona verbringt. Dass die beiden Turteltäubchen im gediegenen Hotel Eden Roc logieren, registriert die Google-Suche. Die Routenwahl ersehen wir aus Google Maps.

Damit nicht genug. Die hübschen Bilder vom Weekend hat Eric am nächsten Tag auf Picasa gestellt, Googles Foto-Web-Album. Vielleicht landet gar ein erotisches Video auf Googles Videoportal Youtube? Liebesgeflüster lauscht man bei Googles Internettelefonie Google Talk. Und dass dieser Mann auch politisch ein Tunichtgut ist, lesen wir in seinem vermeintlich anonymen Politblog «Der Repulikaner» – gehostet auf Blogger.com, dem weltgrössten Blogger-Portal, das natürlich im Besitz von Google ist.

Google hat ein miserables Datenschutz-Rating

Dies alles ist nur mit einem einzigen Passwort gesichert. Und dem Gutdünken Googles ausgeliefert. Was passiert, wenn Behörden Zugriff auf ein Google-Konto verlangen? «Wenn es gerichtliche Verfügungen zur Herausgabe von Nutzerdaten gibt, kommen wir diesen als verantwortungsbewusstes Unternehmen natürlich nach», sagt Rachel Whetstone, die bei Google in Europa für Öffentlichkeitsarbeit und Lobbying zuständig ist. Die Untersuchungsbehörden bekommen damit die Fiche auf dem Silbertablett serviert.

Zur Speicherung sämtlicher Daten stehen 450 000 Server zur Verfügung. Ist man in Europa vielleicht noch vor den gröbsten Schnüffeleien geschützt, haben US-Behörden freie Hand. Auf der Basis des Patriot Act, dem weit gehenden US-Gesetzespaket zur Terrorismusbekämpfung, muss auch Google seine Datenbanken öffnen ohne weder Betroffene noch die Öffentlichkeit darüber informieren zu dürfen oder zu müssen. Da bei Internetgeschäften das Territorialprinzip gilt, sind amerikanische wie schweizerische Google-Nutzer betroffen.

Die rudimentären Datenschutzregelungen gestatten den US-Unternehmen zudem, von ihren Kunden ausführliche Profile zu erstellen, um sie mit gezielter Werbung zu bombardieren.

Im Sommer hat Privacy International (PI), eine Menschenrechtsorganisation mit Sitz in London, den Datenschutz grosser Internetunternehmen wie AOL, Apple, Microsoft, Yahoo, Ebay, und Wikipedia geprüft. Im Umgang mit den Daten ihrer Benutzer bekam Google die niedrigste Einstufung. Diese Kategorie ist Firmen mit einer «umfassenden Kundenüberwachung und Feindseligkeit gegenüber dem Datenschutz» vorbehalten. Google kritisierte die Studie wegen zahlreicher Ungenauigkeiten und Missverständnisse.

Vielleicht tut man den Googlern Unrecht, wenn man böse Absichten unterstellt. Wahrscheinlich will Google nur einfach eine perfekte Suchmaschine bauen. «Sie wird alles wissen, was du fragst, und wird dir genau das sagen, was du von ihr wissen willst», soll Google-Mitbegründer Larry Page gesagt haben.

Sein Gründerkollege Sergey Brin nannte sie unverblümt «Gott». Gott weiss alles, sieht alles. «Wäre es nicht aufregend, wenn dein Gehirn in Google eine Fortsetzung fände?» Die Geschichte lehrt uns, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis etwas technisch Machbares umgesetzt wird. Allen moralischen Bedenken zum Trotz.

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