vendredi, 6 avril 2007

«Ich glaube nicht an tiefe Minutentarife»

Tages-Anzeiger vom 05.04.2007

«Ich glaube nicht an tiefe Minutentarife»

Orange-Chef Andreas Wetter plant ein Internetangebot und will die Informatikabteilung auslagern. Und er würde mit der Cablecom zusammenspannen – trotz ihres schlechten Images.

Mit Andreas Wetter sprach Angela Barandun in Bern

Sie stehen seit über 8 Jahren an der Spitze von Orange. Sunrise hat bereits den dritten Chef in zwei Jahren. Was machen Sie besser?

Orange Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte. Wir sind die Nummer zwei im Mobilfunkmarkt. Gemessen am Umsatz, liegt unser Marktanteil bei über 20 Prozent. Bei den Kunden haben wir im letzten Jahr erstmals Sunrise überholt. Dort liegen wir bei 18,9 Prozent. Innerhalb von France Télécom weisen wir die höchsten Umsätze pro Kunde aus.

Das bedeutet wohl, dass sich die Investition für France Télécom gelohnt hat?

Wir zahlen Darlehen zurück.

Kein Gewinnbeitrag und ein Marktanteil, der bei 18 Prozent eingefroren worden ist. Reicht das einem so grossen Konzern?

Wir wachsen immer noch, und wir finanzieren unsere Investitionen seit 4 Jahren aus dem laufenden Geschäft. Wir liegen Frankreich nicht mehr auf der Tasche – das ist das Entscheidende. Ausserdem ist die Schweiz für France Télécom interessant, weil viele internationale Firmen ihren europäischen Hauptsitz hier haben. Dadurch lassen sich lukrative Verträge mit globalen Unternehmen abschliessen. Aber die Umsätze in der Schweiz werden schrumpfen. Bereits heute kommt auf jeden Schweizer ein Mobiltelefon – Babys sind da miteingerechnet.

Wie wollen Sie da noch wachsen?

Entscheidend ist, dass wir unser Kerngeschäft nicht vernachlässigen. Wir zahlen unsere Löhne immer noch mit mobiler, verbaler Kommunikation. Das wird auch in Zukunft so sein. Daneben müssen wir aber neue Produkte anbieten, die unseren Kunden mehr bieten und sie enger an uns binden.

Woran denken Sie?

Im Tessin haben wir vor kurzem den schnellen mobilen Internetzugang erweitert. Nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit den städtischen Industriebetrieben. Das ist die erste Vertriebszusammenarbeit mit einem lokalen Elektrizitätswerk in der Schweiz.

Ein Festnetzanbieter wird mit Ihrer Hilfe mobil. Und das Gegenteil? Wird Orange selbst Festnetzanbieter und investiert in die Letzte Meile?

Nein. Für uns rechnet sich der Aufbau einer eigenen Festnetzinfrastruktur nicht. Unser Fokus liegt klar auf dem mobilen Angebot, dort investieren wir. Trotzdem werden wir auch einzelne Produkte im Festnetz anbieten, allerdings zusammen mit Partnern. Was denn zum Beispiel?
Wir werden unseren Kunden neben dem Handy auch schnelles Internet aus der Steckdose bieten. Das werden wir noch in diesem Jahr realisieren.

Wer wird der Partner sein?

Das ist noch nicht entschieden. Wir reden aber mit allen. Wichtig ist, dass die Schnittstelle zum Kunden bei Orange bleibt. Der Rest ist nur eine Frage des Betriebs im Hintergrund. Das klingt zwar interessant, wird Orange aber nicht reich machen.
Darum müssen wir noch effizienter werden, schlanke Strukturen haben. Rank und schlank.

Sie wollen also Leute entlassen?

Nein. Die Effizienz und Effektivität zu steigern, heisst nicht zwangsläufig, Leute zu entlassen. Vielleicht bedeutete es indirekt, die Zahl der Stellen zu reduzieren.

Sie sprechen von Outsourcing?

Genau. Seit 4 Jahren überlegen wir uns für jede Tätigkeit, ob es nicht jemanden gibt, der diese Aufgabe besser und günstiger erledigen kann. Angefangen haben wir mit dem Auskunftsdienst, der war vom ersten Tag an ausgelagert. Dann war die Liegenschaftenverwaltung und -pflege an der Reihe, und im letzten Jahr ist das Callcenter für Privatkunden hinzugekommen.

Was ist als Nächstes dran?

Zurzeit wird die Auslagerung der Informatikabteilung evaluiert. Ein Entscheid fällt in den kommenden Wochen, sodass die Auslagerung noch in diesem Jahr stattfinden könnte.

Sorgt das nicht für viel Unruhe im Unternehmen?

Ja, schon. Aber Outsourcing muss nicht immer schlecht sein für die Mitarbeitenden. Oft eröffnet es ihnen auch neue Möglichkeiten. Ich weiss nicht, ob die Betroffenen das auch so sehen. Ihnen werden ja praktisch immer die Löhne gekürzt.
Ich glaube nicht, dass der Lohn ein Problem ist. Sonst würden die Leute ja einfach kündigen und sich einen besser bezahlten Job suchen. In der Telecombranche spielt der Wettbewerb um die Arbeitskräfte. Aber im Moment bauen doch alle Telecomfirmen Mitarbeitende ab!
Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht mit dem Outsourcing. Der Hauswart an unserem Sitz in Biel, den wir als einen der ersten ausgelagert haben, ist heute noch derselbe wie damals. Und er hätte bestimmt gekündigt, hätte er weniger Lohn bekommen.

Sind Sie sicher?

Ja, davon bin ich überzeugt. Wird Orange irgendwann nur noch 200 Mitarbeitende haben?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Strategische Kernbereiche werden wir immer selbst betreiben. Aber es ist gut möglich, dass wir bald weniger als 1000 Mitarbeitende haben. Heute stehen wir bei 1250. Klar ist, im Vordergrund steht die Effizienz der Organisation und nicht die Ambition eines Jungmanagers, möglichst viele Leute zu führen.

Ein Jungmanager sind Sie ja bei weitem nicht mehr. Sie sind der Letzte aus einer ganzen Generation von Telecom-Chefs, der noch da ist. Ist das nicht eigenartig?

Ein gewisses Alter zu haben, hat auch den Vorteil, dass man nicht mehr so schnell explodiert. Ausserdem rekrutieren wir seit mehreren Jahren vor allem jüngere Manager für die Geschäftsleitung, die unter Umständen als Nachfolger in Frage kommen.

Und, ist einer in Sicht?

Ich habe immer jemanden im Auge. Manchmal deutlicher, manchmal weniger. Würden Sie je einen ausländischen Mobilfunkbetreiber auf ihr Netz lassen?
Das könnte ich mir sicher vorstellen. Wichtig ist, dass die Qualität eines solchen Anbieters stimmt. Weil das immer einen Einfluss auf unser Image hat. Und dass sich das Geschäft lohnt.

Gibt es konkrete Pläne?

Es gibt verschiedene ausländische Gesellschaften, die bei uns Anfragen deponiert haben. Das gab es aber auch schon letztes Jahr. Wieso hat es bisher nicht geklappt?
Weil nicht immer klar ist, ob es sich lohnt. Neue Anbieter bergen auch Gefahren. In einigen europäischen Märkten kam es zu ruinösen Konkurrenzverhältnissen.

Wird man in der Schweiz je für 10 Rappen pro Minute in alle Netze telefonieren können, wie das in Österreich der Fall ist?

Nein, das glaube ich nicht. Die Kosten in der Schweiz sind dafür zu hoch.

Wie weit können die Preise denn hier zu Lande noch sinken?

Ich glaube nicht an tiefe Minutentarife. Meiner Meinung nach wird es in Zukunft vor allem Pauschalangebot geben, mit Gratisminuten in alle Netze und einem inbegriffenen Daten- und Inhaltevolumen.

Wieso?

Bei länderübergreifenden Preisvergleichen geht gerne vergessen, wie viel teurer es ist, in der Schweiz ein Handynetz zu betreiben. Das fängt bei den Auflagen für den Bau einer Antenne an und hört bei der automatischen Strahlenkontrolle auf. Solche Dinge muss man berücksichtigen.

Wie viel teurer kann das sein? 10 Prozent?

Aus meiner Sicht variieren die Zusatzkosten zwischen 10 und 50 Prozent. Nur ein Beispiel: In der Schweiz kostet es mindestens 50 Prozent mehr im Jahr, einen Antennenstandort zu mieten, als etwa in Österreich. Wer in der Schweiz bereit ist, sich an einem attraktiven Standort eine Antenne aufs Dach stellen zu lassen, ist in einer so starken Position, dass er die Preise in die Höhe treiben kann.

Haben Sie Angst, dass Orange verkauft wird?

Darüber mache ich mir keine Sorgen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein grosser Konzern oder ein potenter Investor in einen gesättigten und stark regulierten Markt investieren wollen, in dem sich der Preiszerfall bereits abzeichnet.

Sie glauben also nicht, dass jemand Orange kaufen würde?

Die Schweiz ist einfach nicht attraktiv. Es gibt zwar eine hohe Kaufkraft, der Markt ist aber klein. Zudem besteht politisch in keiner Weise der Wille, die dominante Position der Swisscom grundsätzlich und markant zu ändern. Darum glaube ich nicht, dass irgendeine der grossen Schweizer Telecomfirmen in nächster Zeit den Besitzer wechseln wird.

Schliessen Sie darum auch einen Zusammenschluss von Orange und Cablecom kategorisch aus?

Genau.

Und eine strategische Partnerschaft?

Eine operative Zusammenarbeit ohne Kapitalverflechtung würde ich nicht ausschliessen.

Das miserable Image der Cablecom wäre dabei kein Hindernis?

Überhaupt nicht. Ich bin der Meinung, dass die Medien unfair sind. Sie zollen dem Mut und dem Erfolg der Cablecom, die erst zu den Problemen geführt haben, überhaupt keinen Respekt.

Die momentane Unbeliebtheit hat sich die Cablecom mit dem Abschalten der TV-Sender selbst eingebrockt.

Aus der heutigen Perspektive hat sich das Unternehmen tatsächlich sehr unglücklich verhalten. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich hätte an der Stelle der Cablecom massgebliche Interessengruppen wie den Bundesrat über die geplanten Abschaltungen von Analogkanälen vorinformiert und ihnen die Entscheidung überlassen.

Sie scheinen grosse Sympathien für die Cablecom zu hegen.

Nein, aber ich habe Respekt vor der Firma. Sie hat eine Erfolgsgeschichte geschrieben.

Kommt eine Partnerschaft mit Cablecom auch für das Internetangebot in Frage?

Die Cablecom hat bisher immer deutlich gemacht, dass sie sich nicht für solche Angebote öffnen will. Darum steht sie nicht an oberster Stelle bei der Partnersuche. Aber es ist denkbar.


Andreas Wetter

Andreas Wetter ist seit Dezember 1998 Chef von Orange Schweiz und hat das Unternehmen entscheidend geprägt. Vor Orange war der gelernte Elektroniker mit MBA Chef von Radio TV Steiner. Er arbeitete auch bei Ascom und als Länderverantwortlicher im IT-Markt. Der 57-Jährige ist verheiratet, hat zwei Töchter und zwei Grosskinder und wohnt in Feldmeilen ZH. (aba)

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